Die Macht der Hilflosen
Jeder hängt mal durch. Und es ist eine lobenswerte Sache, wenn ein Team auch Mitglieder tragen kann, die durch schwierige Zeiten gehen. Was aber, wenn sich daraus Umgangsformen im Team chronifizieren?
Nehmen wir das Beispiel einer Kollegin, die sich vor einigen Monaten von Ihrem langjährigen Partner getrennt hat. In der akuten Phase war sie unkonzentriert und wenig belastbar. Im Team gab es viel Verständnis für ihre Situation, man nahm ihr Arbeiten ab und hielt jede Kritik zurück. Schliesslich war sie ja auch so schon immer den Tränen näher als dem sonst von ihr bekannten freundlichen Lachen.
Darüber war nun schon einige Zeit vergangen. Aber die Kümmernisse bei der Kollegin wollten nicht enden. Zuerst gab es die Probleme mit dem Umzug, dann traf sie den Ex mit einer Anderen, dann stand das gemeinsame Haus zum Verkauf…
Mittlerweile begannen einzelne im Team, die Arbeitsbelastung als ungerecht anzumahnen. Dabei wurden sie natürlich von denen zurück gepfiffen, die noch auf der Seite des uneingeschränkten Verständnisses waren. Und so bildete sich die Regel heraus: die Kollegin ist von jeder belastenden Aufgabe und von Kritik zu verschonen.
So wurde aus der wenig belastbaren Kollegin ein in der Ohnmacht mächtiges Teammitglied. Sie hatte sich in ihrer Unantastbarkeit eingerichtet. Es gab einige Versuche, sie wieder an den ursprünglichen Aufgabenumfang mit der üblichen Anforderung an Qualität und Zuverlässigkeit heran zu führen. Und alle endeten darin, dass sie sich unter den einfühlsameren Teammitgliedern Verstärkung suchte – und diese auch fand. Bis am Ende das Gerücht umging, man wolle die persönliche Situation der Kollegin nutzen, um sie aus dem Team zu mobben.
Wie konnte es soweit kommen? Wie kann eine solche Situation im Team vermieden werden? Und wie kann trotzdem eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung funktionieren?
Die größte Herausforderung für ein Team ist, immer wieder die Regeln der Gemeinschaft offen zu besprechen. Hier wäre es nach der ersten Hilfsaktion im Team notwendig gewesen, zu klären, wie die konkrete weitere Hilfe für die Kollegin aussieht. Und auch, wie lange diese bestehen soll. Dafür notwendig ist die Antenne für die Situation, der Mut, dieses Thema auf die Tagesordnung zu nehmen, und die konstruktive Suche nach tragfähigen Lösungen.
Mit fortschreitender Zeit wird es erst für das Team und dann auch für den Teamleiter schwieriger, konstruktiv mit solchen Themen umzugehen. Die gute Eigenschaft des Teams, sich gegenseitig zu Unterstützen, darf nicht in falscher Bescheidenheit als selbstverständlich verschwiegen bleiben. Hier gilt: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.
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